Das Grab hinter dem Stern: Mercédès Jellinek in Wien
Monsieur Mercédès und der Name seiner Tochter Emil Jellinek war Geschäftsmann, Diplomat und begeisterter Anhänger des noch jungen Automobils. An der Côte d’Azur trat er bei Rennen unter dem Namen „Monsieur Mercédès“ auf, nach seiner 1889 geborenen Tochter. Für die Daimler-Motoren-Gesellschaft wurde er zu einem wichtigen Kunden und Händler. 1900 bestellte er eine Serie neu entwickelter Fahrzeuge, die den Namen Mercedes tragen sollte. 1902 wurde Mercedes als Warenzeichen geschützt. Die Automobilgeschichte hatte dabei schlicht Glück mit der Namenswahl. Hätte Emil seine Tochter Lisbeth genannt, würden heute womöglich S-Klasse, SL und Formel-1-Wagen als „Lisbeth-Benz E63 AMG“ vorfahren. Technisch kein Unterschied, beim Prestige hätte Stuttgart vermutlich etwas mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen.
Mercédès Adrienne Manuela Ramona Jellinek führte selbst kein Leben, das mit dem späteren Glanz der Automarke vergleichbar war. 1909 heiratete sie in Nizza Karl Freiherr von Schlosser. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Nach der Scheidung heiratete sie 1926 den Wiener Bildhauer Rudolf von Weigl, der wenige Monate später an Tuberkulose starb. Mercédès Jellinek selbst starb am 23. Februar 1929 in Wien im Alter von nur 39 Jahren. Während ihr Leben außerhalb automobilhistorischer Kreise weitgehend in Vergessenheit geriet, entwickelte ihr Vorname ein bemerkenswertes Eigenleben. Aus dem Namen eines Mädchens wurde erst die Bezeichnung eines Automobils und schließlich eine Marke, die mehr als ein Jahrhundert später praktisch überall auf der Welt bekannt ist.
Das Familiengrab befindet sich in Gruppe 59C des Wiener Zentralfriedhofs und gehört nicht zu den offiziellen Ehrengräbern. Gerade deshalb lässt es sich zwischen den berühmten Namen des Friedhofs leicht übersehen. Die Grabstätte wird von einer trauernden Frauenfigur geprägt; hier fanden mehrere Angehörige der Familie Jellinek ihre letzte Ruhe. Für Besucher mit Interesse an Automobilgeschichte lohnt sich der Abstecher. Zwischen den monumentalen Gräbern von Musikern, Politikern, Schauspielern und Unternehmern stößt man auf einen Namen, der außerhalb des Friedhofs ungleich bekannter ist als die dort bestattete Frau selbst. Mercédès Jellinek baute kein Auto, leitete keinen Konzern und erfand keinen Motor. Trotzdem fährt ihr Vorname seit mehr als 120 Jahren durch die Welt.
Ein Name aus Spanien, aber kein eigenes Auto Ausgerechnet von Mercédès Jellinek selbst ist nicht bekannt, dass sie ein Automobil ihr Eigen nennen konnte. Ihr Vorname dagegen machte eine erstaunliche Karriere. Mercedes war keineswegs eine Erfindung ihres Vaters, sondern ein bereits gebräuchlicher spanischer Frauenname. Er geht auf das spanische "merced" zurück und bedeutet "Gnade", "Gunst" oder "Barmherzigkeit". Emil Jellinek gefiel der Name weit über die Familie hinaus: Er verwendete ihn zunächst als Pseudonym bei Autorennen und schließlich für die bei Daimler bestellten Wagen. Persönliche Dokumente und fast 300 Fotografien aus ihrem Nachlass gelangten über ihren Sohn Hans-Peter Schlosser und dessen Patenkind schließlich ins heutige Mercedes-Benz Classic Archiv. Übrigens: 1903 änderte Vater Emil seinen Familiennamen offiziell in Jellinek-Mercédès. Damit trug er den Namen seiner Tochter nicht nur im Herzen!


